Individuelle Beratung für ängstliche, traumatisierte
und kranke Hunde aus dem Tierschutz

Hunde-Begegnungen – oder eher „Hund-und-Menschen-Begegnungen“?​

Bild von einem Hund im Schnee

Hunde-Begegnungen – oder eher „Hund-und-Menschen-Begegnungen“?

Korrigierende Erfahrungen versus Korrekturen

Schwierigkeiten, sogenannte Hundebegegnungen entspannt zu meistern, gehören zu den häufigsten Gründen, warum sich Menschen professionelle Unterstützung suchen.

Doch warum fällt es vielen Mensch-Hund-Teams so schwer, an anderen Hunden – und ihren Menschen – gelassen vorbeizugehen?

Ein Blick auf das biologische Erbe unserer Hunde

Ein Teil der Antwort liegt im biologischen Erbe unserer Hunde. Auch wenn sie seit Jahrtausenden an der Seite des Menschen leben, tragen sie noch immer Verhaltensmuster ihrer wilden Vorfahren in sich. Dieses Erbe ist kein unabänderliches Schicksal, wohl aber eine Prägung, die in bestimmten Situationen wirksam wird – insbesondere dann, wenn Unsicherheit oder Stress im Spiel sind.

Begegnet ein Wolf einem fremden Artgenossen, handelt es sich nahezu immer um eine kritische Situation. Entweder hat sich ein Tier in fremdes Territorium vorgewagt oder der andere ist in sein Revier eingedrungen. Solche Begegnungen können sehr unterschiedlich verlaufen: Im günstigsten Fall zieht sich der Eindringling zurück und respektiert die Grenzen des anderen. In ungünstigeren Fällen kommt es zu ernsthaften Auseinandersetzungen, die tödlich enden können.

Es gibt jedoch auch Situationen, in denen ein fremder Wolf versucht, durch besonders vorsichtiges, beschwichtigendes Verhalten Nähe herzustellen – etwa, wenn er seine Familie verloren hat oder auf der Suche nach einem neuen Sozialverband oder einer Partnerin ist. Dieses Verhalten ist geprägt von Geduld, Unterordnung und dem Versuch, keinerlei Bedrohung darzustellen, während gleichzeitig die eigene Sicherheit gewahrt bleibt.

Was wir von verwilderten Hunden wissen

Auch wenn sich diese Dynamiken nicht eins zu eins auf Haushunde übertragen lassen, zeigen Beobachtungen an verwilderten Hunden – etwa Straßenhunden, die in losen Gruppen leben –, dass Begegnungen mit fremden Hunden häufig von Distanzverhalten, Drohgebärden, Scheinangriffen oder auch ernsthaften Konflikten begleitet werden können.

Im Vergleich zu Wildcaniden sind bei diesen Hunden fein abgestimmte, ritualisierte Konfliktvermeidungsstrategien oft weniger ausgeprägt. Unsicherheit und mangelnde soziale Stabilität führen daher nicht selten zu impulsiveren Reaktionen (G. Bloch). Dennoch zeigen auch sie ein deutliches Bestreben, Auseinandersetzungen zu vermeiden – etwa durch großräumiges Ausweichen oder langsames Zurückziehen (E. Radinger). Ob es trotzdem zu einem Angriff kommt, hängt stark von äußeren Faktoren wie Ressourcenknappheit ab.

Der besondere Hintergrund von Tierschutzhunden

Der Alltag unserer Haushunde unterscheidet sich davon grundlegend. Ihre Ressourcen sind in der Regel durch uns Menschen gesichert, und Begegnungen mit anderen Mensch-Hund-Teams gehören zum täglichen Leben.

Viele Tierschutzhunde jedoch kommen aus Lebensumständen, die über längere Zeit von Mangel, Entbehrung und Überlebensängsten geprägt waren. Solche Erfahrungen können dazu führen, dass Begegnungen auch in einer sicheren Umgebung als potenziell bedrohlich erlebt werden. Alte Überlebensstrategien werden dann rasch aktiviert – nicht, weil der Hund „schwierig“ ist, sondern weil er gelernt hat, in möglichen Konfliktsituationen wachsam zu sein.

Unsere Rolle als Mensch in Begegnungssituationen

Damit rückt unsere Rolle als Menschen in den Vordergrund. Wenn wir uns wünschen, andere Mensch-Hund-Teams entspannt und beiläufig passieren zu können, braucht es von uns die Fähigkeit, unserem Hund zu vermitteln, dass diese Situationen weder außergewöhnlich noch gefährlich sind.

Gelingt es uns, mit einer innerlich überzeugten Haltung Orientierung und Sicherheit auszustrahlen, unterstützen wir unseren Hund dabei, sich in diesen herausfordernden Momenten besser zu regulieren – und ermöglichen ihm neue, positive Erfahrungen.

Korrigierende Erfahrungen statt Korrekturen

Genau darin liegt der Schlüssel im Umgang mit Ängsten, die ursprünglich aus Bedrohungssituationen entstanden sind: Neuronale Muster, die sich durch belastende Erfahrungen gebildet haben, lassen sich nicht durch Strenge oder Korrekturen auflösen. Veränderung entsteht durch sich wiederholende gute Erfahrungen.

Anstatt den Hund zu korrigieren, geht es darum, ihm korrigierende Erfahrungen zu ermöglichen – Erfahrungen, die Sicherheit, Vorhersehbarkeit und Beziehung stärken. Dieser Weg braucht Zeit und Geduld. Er beginnt mit einem ersten Schritt: der ersten guten Erfahrung.

Die erste gute Erfahrung: der Höflichkeitsbogen

Ein bewährtes Hilfsmittel ist der sogenannte Höflichkeitsbogen. Du erinnerst dich an das großräumige Ausweichen von Wildcaniden und verwilderten Hunden, um Konflikten im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Weg zu gehen. Auch hier wählen wir bewusst Situationen, in denen ein solches Ausweichen möglich ist. Du führst deinen Hund dabei abgewandt von der als bedrohlich empfundenen Situation.

Es braucht etwas Experimentierfreude, um herauszufinden, wie groß dieser Bogen sein sollte, damit sowohl du als auch dein Hund entspannt bleiben können. Du gehst aufrecht, dein Brustbein und dein Blick sind dabei auf euer Ziel hin ausgerichtet. Du gehst in deinem normalen Tempo weiter, ohne zu beschleunigen oder zu verlangsamen. Gerade zu Beginn ist es hilfreich, gar nicht oder zumindest möglichst wenig zu sprechen.

Stattdessen kannst du versuchen, deinen Hund neben dir wahrzunehmen, ohne ihn zu kontrollieren – so, wie man im Gedränge einer Stadt seine Handtasche spürt: Man weiß, dass sie da ist, ohne ihr fortlaufend Aufmerksamkeit schenken zu müssen.

Nach der Begegnung: Beiläufigkeit statt Aufwertung

Ist eine Begegnung gut gelungen, neigen wir Menschen dazu stehen zu bleiben und den Hund mit einem Leckerli zu belohnen. Ein möglicher Nachteil dabei ist, dass die Situation dadurch aufgewertet wird. Sie bekommt mehr Bedeutung, als wir ihr eigentlich geben möchten. Ziel ist ja, dass Begegnungen als beiläufig und selbstverständlich erlebt werden.

Ich bevorzuge es daher, nach der Begegnung einfach weiterzugehen wie zuvor und den Hund mit einem zärtlichen, weichen Blick und mit einem innerlich gedachten Satz zu würdigen:

 „Siehst du, mein Hund, das haben wir gemeinsam richtig gut gemeistert.“

Solche liebevollen „Augenblicke“ fördern bei Mensch und Hund einen Zustand von Verbundenheit, Sicherheit und Wohlbefinden. Diese – von dem Wohlfühlhormon „Oxytocin“ unterstützte – Wirkung unterscheidet sich deutlich von einer funktionalen Belohnung und trägt bei beiden dazu bei, sich als Mensch-Hund-Team selbstwirksam zu erleben.

Geduld, Rückschritte und Realität

Allerdings braucht es viele solcher Erfahrungen, um den oft ritualisierten belastenden Erlebnissen etwas Neues entgegenzusetzen. Geduld ist dabei unerlässlich. Sowohl beim Menschen als auch beim Hund darf die erhöhte Wachsamkeit allmählich in mehr Entspannung übergehen.

Und selbst dann kann es – besonders an stressreichen Tagen – Rückschritte geben. Weder wir noch unsere Hunde sind perfekt. Solche Phasen sind kein Scheitern, sondern gehören zu einem lebendigen Lernprozess.

Wenn Korrekturen Begegnungen schwerer machen

Was ich im Alltag häufig beobachte, sind ausladende körperliche Korrekturen, mit denen Hunde bei Begegnungen blockiert werden. Oft wird dafür das Gehen unterbrochen. In manchen Fällen stellen sich die Menschen dabei frontal vor ihren Hund, um ihm die Sicht auf das, was ihnen entgegenkommt zu nehmen oder ein Nach-vorne-Gehen zu verhindern.

Aus meiner Sicht vermittelt dieses Verhalten dem Hund vor allem eines: dass eine Begegnung etwas besonders Bedeutungsvolles ist. Dabei wünschen wir uns doch genau das Gegenteil: Wir möchten doch, dass für unseren Hund Begegnungen zum selbstverständlichen Alltag gehören.

Begegnungen finden nicht nur zwischen Hunden statt

Ein weiterer wichtiger Aspekt wird häufig übersehen: Nicht nur die Hunde begegnen sich, sondern auch die Menschen. Bereits im Vorfeld findet zwischen ihnen ebenfalls eine körpersprachliche Kommunikation statt. Und streng genommen gibt es auch einen Austausch zwischen dem Menschen und dem jeweils fremden Hund.

Es lohnt sich sehr, diesem Zusammenspiel Aufmerksamkeit zu schenken und sich selbst vor Begegnungen bewusst zu beobachten:
Was geht mir dabei gerade durch den Kopf?
Verändere ich mein Tempo?
Halte ich die Leine straffer?
Spannt sich meine Muskulatur an?
Wie fühlen sich mein Atem, mein Herzschlag an?
Wie ist meine innere Haltung gegenüber dem mir begegnenden Mensch-Hund-Team?

Diese Selbstbeobachtung dient nicht der Bewertung, sondern der Offenheit sich selbst gegenüber. Sie hilft, den eigenen Stress wahrzunehmen und Verantwortung dafür zu übernehmen. Unser Hund nimmt unsere innere Anspannung wahr – doch er kann sehr gut damit umgehen, wenn wir selbst dafür geradestehen.

Der Einfluss der Umgebung

Nicht zuletzt spielt auch die Umgebung eine entscheidende Rolle. In einem belebten Umfeld, etwa in Innenstädten, können enge Begegnungen überraschend entspannt verlaufen. Dieselben Situationen können auf einem einsamen Waldweg deutlich mehr Stress auslösen. Unterschiedliche Erwartungshaltungen, größere Sichtdistanzen und fehlende Ausweichmöglichkeiten tragen hierzu bei. Während Hunde solchen Begegnungen oft großräumig ausweichen würden, entscheiden wir Menschen nicht selten, geradlinig aufeinander zuzulaufen.

 

Vielleicht liegt unsere wichtigste Aufgabe darin, nicht jede Begegnung aktiv zu lösen, sondern die Welt einen Moment lang aus den Augen unseres Hundes zu betrachten und ihm den Raum, die Zeit und die innere Sicherheit zu geben, die er braucht, um sich in ihr zurechtzufinden.

Tierschutzhunde verstehen
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