Lina legt sich mitten auf den Gehweg und bleibt wie festgeklebt liegen

Eine Fallgeschichte über Trauma, Erstarrung und Sicherheit

 

Kein Locken.

Kein gutes Zureden.

Keine Leckerlis.

Kein leichter Zug an der Leine.

– Lina bewegt sich keinen Zentimeter. Sie liegt mitten auf dem Gehweg – als wäre sie mit dem Boden verschmolzen.

Lina, eine bereits ältere Hündin, wurde aus einem Public Shelter in Bukarest gerettet und nach wenigen Tagen in einem Tierheim in Deutschland an ihre Adoptanten vermittelt. Über ihr früheres Leben ist kaum etwas bekannt. Doch eine breite, mehr als zwanzig Zentimeter lange Narbe, die sich ringförmig um ihren Nacken zieht, erzählt ihre eigene Geschichte. Sie lässt vermuten, dass Lina mit einer Drahtschlinge eingefangen wurde – einer Fangmethode, die in einigen Regionen leider noch immer eingesetzt wird.

Während der ersten Tage im neuen Zuhause wirkt Lina ruhig und in sich gekehrt. Ihren Hundekorb verlässt sie selten. Er scheint der einzige Ort zu sein, an dem sie sich sicher genug fühlt.

Drei Tage lang löst sie sich nicht. Draußen setzt sie weder Urin ab noch markiert sie. Trotzdem begleitet sie ihre Menschen bereitwillig auf kurzen Spaziergängen in der unmittelbaren Umgebung. Sie schnüffelt kaum. Stattdessen bewegt sie sich dicht an Hauswänden, Zäunen oder Mauern entlang. Mit leicht geduckter Haltung läuft sie möglichst knapp hinter ihren Adoptanten. Fast scheint es, als würden ihre Menschen einen schützenden Puffer zwischen ihr und allem bilden, was ihr entgegenkommt oder sich von hinten nähert.

Auch in den folgenden Monaten bleibt Lina außergewöhnlich leise. Ihre Adoptanten fragen sich bereits, ob sie überhaupt bellen kann. Besuch empfängt sie freundlich und ohne Aggression. Trotz ihres Alters zeigt sie große Freude daran, Neues zu lernen. Kleine gemeinsame Trainingseinheiten lassen sie regelrecht aufblühen. In diesen Momenten wirkt sie gelöst, neugierig, verspielt und deutlich selbstbewusster. Das sind die Momente, in denen die Verbindung zwischen ihr und ihren Menschen wächst.

Zunächst entwickelt sich alles erfreulich. Lina und ihre Adoptanten lernen zunehmend, sich gegenseitig zu verstehen.

Dennoch gibt es Situationen, die Lina plötzlich aus dem Gleichgewicht bringen. Flatternde Planen, größere kastenförmige Gegenstände oder andere ungewöhnliche Objekte reichen manchmal aus, damit sie sich abrupt auf den Boden legt und sich keinen Schritt mehr weiterbewegt.

Ihre Adoptantin beginnt aufmerksam zu beobachten, was Lina verunsichert. Anstatt sie zum Weitergehen zu drängen, überprüft sie die vermeintlich gefährlichen Gegenstände selbst und vermittelt Lina mit ihrer Körpersprache und ihrem Verhalten, dass keine Gefahr besteht. Nach und nach gelingt es Lina immer häufiger, sich wieder auf ihre Bezugsperson einzulassen.

Erst einige Monate später verändert sich die Situation.

Die Adoptantin nimmt ihre Halbtagsarbeit wieder auf. Zwar bleibt Lina nicht allein, weil der Ehemann im Homeoffice arbeitet. An drei Tagen in der Woche soll jedoch eine gute Freundin die Spaziergänge übernehmen.

Diese Freundin kennt Lina bereits seit ihrem Einzug. Sie lässt sich von ihr streicheln und begegnet ihr freundlich. Eigentlich scheint alles dafür zu sprechen, dass die Spaziergänge problemlos verlaufen.

Doch sobald die Freundin mit Lina das Haus verlässt, geschieht immer wieder dasselbe:

Nach wenigen Metern legt sich Lina auf den Gehweg. Wie festgeklebt. Weder freundliches Zureden noch Locken, Leckerlis oder geduldiges Warten verändern etwas. Selbst leichter Zug an der Leine bleibt wirkungslos. Lina scheint vollkommen unbeweglich.

In ihrer Ratlosigkeit wenden sich die Adoptanten an mich.

Für mich stand zunächst nicht die Frage im Vordergrund, wie Lina wieder zum Laufen gebracht werden könnte.

Viel wichtiger war die Frage:

Warum reagiert ihr Nervensystem genau auf diese Weise?

Wenn Lina tatsächlich mit einer Drahtschlinge eingefangen wurde, dürfte sie eine Situation erlebt haben, die ihr gesamtes Nervensystem überwältigte.

In höchster Lebensgefahr versuchen Hunde zunächst zu fliehen oder Deckung zu suchen. Ist beides unmöglich, stemmen sie sich häufig mit aller Kraft gegen den Zug oder pressen ihren Körper an den Boden. Es ist der letzte Versuch, sich dem Zugriff zu entziehen.

Ob Lina genau dies erlebt hat, werden wir niemals mit Sicherheit wissen. Doch ihr Verhalten, ihre Narbe und der konkrete Auslöser ergeben zusammen ein stimmiges Bild.

Damals konnte ihr dieses Gegenstemmen sicher nicht helfen. Die Fangschlinge zog sich tief um ihren Hals und hinterließ die breite Narbe, die bis heute sichtbar ist.

Nach ihrer Ankunft in Deutschland hatte Lina sehr schnell gelernt, dass ihre Adoptanten keine Gefahr bedeuteten. Im Gegenteil: Wie nicht wenige Tierschutzhunde war sie erstaunlich rasch bereit, sich an ihre neuen Menschen zu binden und Vertrauen aufzubauen. Solange ihre Bezugspersonen anwesend waren, erlebte ihr Nervensystem Sicherheit.

Mit der Veränderung des Alltags änderte sich jedoch genau diese Voraussetzung. Nun ging ein anderer Mensch mit ihr hinaus. Nicht irgendein Mensch, sondern jemand, den Lina durchaus kannte und mochte. Doch Bekanntheit ersetzt keine Sicherheit.

Für Lina bedeutete ihre Adoptantin inzwischen weit mehr als Gesellschaft. Sie war ihre wichtigste Co-Regulatorin geworden. Mit ihr konnte Lina schwierige Situationen bewältigen. Ohne sie fiel diese äußere Regulation plötzlich weg.

Linas Nervensystem reagierte also folgerichtig so, wie es einst gelernt hatte:

  • mit Alarm.
  • mit Erstarrung.
  • Mit dem Festkleben am Boden.

Gemeinsam entwickelten wir deshalb kein Trainingsprogramm gegen das Liegenbleiben. Im Freeze oder in der Erstarrung – ein dissoziativer Zustand –  ist nämlich kein Lernen, keine neue Erfahrung möglich.

Daher entwickelten wir einen Weg, auf dem Lina erleben konnte, dass auch die Spaziergänge mit der Helferin sicher waren.

Dazu gehörten einige wenige gemeinsame Spaziergänge zu dritt (Adoptantin, Lina, Helferin), kleine aufeinander aufbauende Übungen und vor allem viele Erfahrungen, in denen Lina beobachten konnte, dass zwischen ihrer Adoptantin und der Helferin gegenseitiges Vertrauen bestand. So übertrug Lina nach und nach die Sicherheit auch auf die Freundin. Die Situationen, in denen sie wie festgeklebt liegen blieb, wurden immer seltener. Und wenn sie doch einmal erstarrte, versuchten ihre Menschen nicht mehr, sie aus diesem Zustand herauszuziehen.

Sie halfen Lina vielmehr dabei, mit ihrer ruhigen, Sicherheit und Orientierung vermittelnden Körpersprache innerlich wieder einen Weg aus ihrer Erstarrung zu finden – so, als würden sie ihr eine Tür öffnen, durch die sie selbst hindurchgehen konnte.

Aufgrund ihrer Vorgeschichte brachte Lina noch einige weitere Herausforderungen mit. Entscheidend war jedoch, dass ihre Adoptanten begonnen hatten, ihr Verhalten mit anderen Augen zu sehen:

  • nicht mehr als Ungehorsam.
  • nicht als Sturheit, Kontrolle oder Widerstand.
  • sondern als Ausdruck eines Nervensystems, das einmal ums Überleben kämpfen musste.

Dieses Verständnis veränderte nicht nur den Umgang mit Lina. Es gab auch ihren Menschen Sicherheit im Umgang mit ihrer Hündin.

Und genau darin liegt das Ziel meiner Beratung:

Ich möchte Menschen dabei begleiten, ihren Hund so tief zu verstehen, dass sie mich nicht dauerhaft brauchen, sondern ihren weiteren Weg schließlich mit Vertrauen und eigener Sicherheit selbst gestalten können.

 

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